Die Irren-Offensive Nr. 1
Zeitschrift von Ver-rückten gegen Psychiatrie
Nr. 14 (2009)
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Nr. 2 (1983)
 

Titelseite: Die Irren-Offensive Nr. 1

Inhaltsverzeichnis:
PDF Dateien - mehrere Artikel gruppiert
Vorwort
Die Wirklichkeit an der Mauer
Herr Hellbich in der Klapse
Eine zerrissene Anstaltseinweisung und ihre Folgen
Gedanken aus der Klapse Hamburg-Ochsenzoll
Was für mich in der Klapse passiert ist

Wie und warum die Irren-Offensive entstanden ist
Wie und warum bist Du in die Irren-Offensive gekommen?

Kurzgeschichte: Berlin bei Nacht ohne Geld
Wir wollen unter uns sein
Schwachsinn im Quadrat

"Ihr macht Euch ja nur gegenseitig verrückt!"
Unsere Diagnosen... Was wir davon halten
Der große Gesundheits-Test
Ver-rückte Hausbesetzer - Ver-rückte im besetzten Haus

Hilfe zur Selbsthilfe in der Irren-Offensive
"Experten" - Nein danke!
Irrer geht's nicht-Eine Politkomödie
Schwierigkeiten? Na klar!
Hilfe! Hilfe! Menschen in Not
Elektroschock: Mord auf Raten?

Warum offensiv? Was tun?
Gedicht: "Verrückt"

Das Anti-Psychiatrie-Programm
Selbstdarstellung: Beschwerdezentrumpsychiatrie
Gemeindepsychiatrie - Gemeine Psychiatrie

Aufruf zum Ausbruch aus dem Irrenhaus
Selbstdarstellung Irren-Offensive


Impressum Herausgeber (Druckversion): Die Irren-Offensive
Berlin 1981 V.i .S.d.P. : Tina Stöckle Auflage: 10.000

Titelbild: A. Paul Weber: "Rückgrat raus !" (1960) Redaktion: Die Irren-Offensive

Alle Texte sind - soweit nicht besonders gekennzeichnet - verfaßt von Mitgliedern der Irren-Offensive.


Liebe Leserin, lieber Leser!

Jeder 3. Mensch kommt einmal in seinem Leben einmal mit Psychiatrie in Berührung. Dies gilt bislang als großer Makel, insbesondere für diejenigen, die in einer — wie es so schön genannt wird — psychiatrischen "Klinik" gewesen sind.

Wir seien geisteskrank, sagt man. Oder modern: Wir seien psychisch krank oder psychisch behindert. Wir schämten uns. Wir fühlten uns krank. Wir versteckten uns. Wir schwiegen. Wir hatten versagt. Wir waren eben "krank'.

Diejenigen, die uns als krank sehen, fühlen sich umso gesünder. Schließlich sitzen wir ja in der Anstalt und nicht sie. Aber was heißt es eigentlich, "psychisch krank" zu sein, und was bedeutet "psychische Gesundheit"?

Es gibt verschiedene Bestimmungen von Geistes-Gesundheit und Geistes-Krankheit. Die einen sagen, Geisteskrankheit ist, wenn man nicht normal ist; und normal ist die Mehrheit — wer nicht auffällt. Manche sagen, Geisteskrankheit sei himorganisch bedingt — und wenn es dafür noch keine Beweise gibt, eines Tages findet man sie bestimmt. Und solche hirnorganische Störungen seien entweder erblich bedingt oder treten rein zufällig auf; sie fallen quasi vom Himmel. Andere sagen:

Geisteskrankheit, Wahnsinn, Psychose, Schizophrenie usw. kann man nicht verstehen; ja man darf dies gar nicht versuchen, dies sei gefährlich — gar ansteckend?

Es ist verlockend, sich die Ursache einer "Geisteskrankheit" als Stoffwechselstörung vorzustellen. Man nimmt eine Pille und schon ist man wieder "geheilt'. Eigenverantwortung braucht man nicht zu übernehmen, Hauptsache: man funktioniert wieder und kommt zurecht mit den anderen und andersrum ebenso — auch wenn man unter Pharmako-Einfluß vor sich hindämmert.

Wir setzten diesem "Verständnis" des Wahnsinns ein anderes gegenüber: Für uns drückt er unsere Unfähigkeit, aber auch unseren Widerstand aus, diese Normalität als eine "gesunde" ertragen zu können. Wir sehen in unserem Wahnsinn die Absage unserer Gefühle an diese Gesellschaft (mit ihren Konkurrenzzwängen, Konsumzwängen, Leistungszwängen, Hierarchien, entfremdeter Arbeit und entfremdeten menschlichen Beziehungen, Kopflastigkeit).

Wir sind anpassungsfähig an die Normalität. David Cooper schreibt, der Normalisierungszustand beruhe auf dem Verlangen nach einem gleichförmigen, zunehmend bequemen, sicheren, "glücklichen" und leichten Leben, was sicher eine Art Tod sei. Dementsprechend würden alle Lebenszeichen, ekstatische Intensitäten der Erfahrung und orgiastische Liebe verboten. Wir sind alle auch anpassungsunwillig. Unser Wahnsinn hat jedoch auch eine gefährliche Seite: Sie führt uns in die Klauen der Psychiatrie. Und diese wiederum versucht mit aller GEWALT, uns den Sinn unseres Wahnsinns zu zerstören, verbergen, unterdrücken und abzusprechen. Und dabei ist es so einfach: Inhalt, Form und Ausmaß des Wahnsinns sind Signale und Botschaften. Sie drücken— in der jeweiligen individuellen Form — unsere (unbewußten, deshalb umso gefühlsbetonteren) Antworten auf die Unterdrückung unserer eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten durch unsere Umwelt aus. Diese ist es, die die Anerkennung unserer Anforderungen und unserer Wünsche verweigert. Für unsere Mitmenschen ist eine solche Erkenntnis schwer Sind es doch sie, die uns enttäuscht haben. Sie haben aber auch Angst, uns so, wie wir sind, zu akzeptieren. Denn durch unsere Andersartigkeit werden sie selbst — in ihrer angepaßten Normalität — in Frage gestellt.

Wir haben diese Zeitung gemacht, um endlich selbst zu Wort kommen zu können. Wir können für uns selber sprechen. Ihr, die Ihr Opfer psychiatrischer Behandlung und Zwangsmaßnahmen seid oder wart: leistet Widerstand. Helft Euch gemeinsam, mit uns, mit anderen — die Psychiatrie wird Euch nie und nimmer helfen!

Ihr, die ihr "brav" Eure Arbeit in den Anstalten macht — pflichtbewußt aber innerlich unbefriedigt: Leistet Widerstand! Arbeitet mit den Beschwerdezentren zusammen, gebt ihnen Informationen weiter. Ihr macht euch mitschuldig.

Ihr Richter und Richterinnen, die Ihr uns zwangseinweist: Überlegt, ob eine Anstalt uns die Hilfe geben kann, die uns nach der Verfassung zusteht. Die Würde des Menschen sei unantastbar: schön wär's. Und wenn wir Euch wie Zombies bei der Vorführung vorkommen, dann denkt daran, daß es Euch auch so gehen würde, wenn ihr ebenso zusammengespritzt werden würdet.

Ihr Eltern, Freunde, Freundinnen, Nachbarn, die Ihr uns ratet, zur Therapie zum Psychiater zu gehen: Schaut selbst in den Spiegel, seht Eure Mitverantwortung an unseren 'Leiden'. Ihr Politiker, die Ihr neue Anstalten bauen laßt, die Ihr die Gemeindepsychiatrie zum Überwachungsstaat '1984' ausbauen wollt: Paßt bloß auf.

Ihr alternativen Politiker: Wir messen Euch daran, wie Ihr auf uns, die Betroffenen, hört.
Ihr Menschen, die Ihr unsere Zeitung lest und gutfindet: Überlegt Euch, was Ihr mit zu dieser Gesellschaft beitragt, die uns kaputtmacht und unsere Persönlichkeit auslöschen will. Der einzige Unterschied zwischen 'Gesundheit' und 'Krankheit' besteht nur darin, daß der 'Gesunde' sich mit ein bißchen Glück ein genügendes Maß an normalen Strategien bewahrt hat, das es verhindert, daß er zum 'Invaliden' oder 'Patienten' geworden ist. Sehr schnell kann sich dies ändern.

Die Redaktionsgruppe der Irren-Offensive

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